Berufspolitik

Viel zu tun in Sachen Digitalisierung und Ausbildungsreform.

Austausch des VDB-Physiotherapieverbands Niedersachsen-Bremen mit Bundespolitikerin Svenja Stadler offenbart Herausforderungen der Branche

Die Digitalisierung im Gesundheitswesen geht mit großen Schritten voran, Begriffe wie E-Rezept, E-Verordnung und elektronische Patientenakte prägen den allgemeinen Diskurs. Häufig liegt der Fokus dabei auf Arztpraxen und Apotheken – doch wie ergeht es Heilmittelerbringern wie den Physiotherapeuten Edgar Lerch und Jessey-Lee Chessa, die eine Praxis in Gildehaus betreiben? Um diesen Aspekt näher zu beleuchten, hat der VDB-Physiotherapieverband Niedersachsen-Bremen zu einem Austausch mit der Bundestagsabgeordneten Svenja Stadler eingeladen: Das Treffen, dem auch Vertreter der Gesundheitsregion Euregio und weitere Fachleute beiwohnten, fand jüngst im Hotel Nickisch in Schüttorf statt.

Edgar Lerch Vorsitzender des Landes-Verbands und zugleich Vorstandsmitglied der Gesundheitsregion. Direkt zu Beginn der Veranstaltung betonte er unter anderem mit Blick auf elektronische Verordnungen: „Heilmittelerbringer sind gezwungen, sich zu digitalisieren.“ Gleichwohl seien aber viele Praxen noch nicht auf dem Level. Erklärtes Ziel sei es insofern, die Physiotherapie in die sogenannte Telematik-Infrastruktur zu integrieren. „Der VDB-Physiotherapieverband Niedersachsen-Bremen ist deshalb an der Entwicklung der Digitalisierung in allen Bereichen beteiligt“, betont Edgar Lerch.

Dass elektronische Verfahren gerade bei der Abrechnung mit den Krankenkassen eine wichtige Rollen spielen, erklärte Michael Reimann von der AOK Niedersachsen. Hinsichtlich entsprechender Systeme sprach er sich für die Nutzung übergreifender Branchenstandards aus. Die Digitalisierung mache es unter anderem möglich, ausgestellte Verordnungen umgehend auf ihre Richtigkeit zu überprüfen – gleichzeitig verringere sie massiv den Verwaltungsaufwand. Reimann verdeutlichte den bürokratischen Status Quo mit einem Beispiel: „Für 20.000 Geburten im Jahr nur bei Versicherten der AOK Niedersachsen sind 714.000 Unterschriften nötig.“

Welche Ausmaße die „Zettelwirtschaft“ annehmen kann, weiß auch Sebastian Cordes von der Firma Optadata zu berichten. Das Unternehmen entwickelt nicht nur Software-Lösungen für Praxen, sondern ist auch als Abrechnungsdienstleister tätig. Palettenweise träfen dort die abrechnungsrelevanten Belege der 60.000 Kunden ein, um gescannt und sortiert zu werden. Bundespolitikerin Stadler schlug förmlich die Hände über dem Kopf zusammen, als sie mit den Tatsachen der umständlichen Papierabrechnung in Deutschland konfrontiert wurde.

Die Bundestagsabgeordnete versprach, sich für eine weitere Beschleunigung der Digitalisierung starkzumachen und erklärte: „Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Ministerien müssen bereit sein zu lernen und über den Tellerrand hinauszuschauen.“ Zur Erreichung der Ziele müssten sich aber ebenso die Krankenkassen zusammenraufen und sich in diesem Punkt vom Wettbewerbsdenken verabschieden. Das bestehende Finanzloch erhöhe den Druck, nun genau hinzuschauen, Parallelstrukturen abzuschaffen, Synergien zu nutzen und so letztlich Kosten zu sparen.

Dass überhaupt alles besser funktioniert, wenn sämtliche Beteiligten an einem Strang ziehen, zeigte sich einmal mehr anhand der Tätigkeiten der Gesundheitsregion Euregio, die in den vergangenen Jahren schon mehrere Projekte – von Dorfgemeinschaft 2.0 über Apotheke 2.0 bis hin zu ReKo (Regionales Pflegekompetenzzentrum) – auf den Weg gebracht hat. Gesundheitsregion-Geschäftsführer Thomas Nerlinger berichtete vom Zusammenwirken und der Bündelung der verschiedenen Kräfte versetzte Svenja Stadler ins Staunen: „Sensationell“, kommentierte sie – und sie wünschte sich, dass solch eine Vernetzung der Akteure auch auf Bundesebene praktiziert wird.

Doch nicht nur das Thema Digitalisierung stand in Schüttorf auf der Agenda: Formuliert wurde auch die Notwendigkeit der Reform der Ausbildungs- und Prüfungsordnung. Therapeuten müssen qualifiziert sein, alle Leistungen ohne zusätzliche Fortbildungen, Kosten etc. nach Abschluss der Ausbildung zu Lasten der gesetzlichen Krankenkassen anbieten zu können, so die Forderung. Ebenso sprachen sich die VDB-Vertreter gegen eine weitere Akademisierung des Therapeutenberufs aus: „Es ist ein guter handwerklicher Beruf mit einem guten theoretischen Wissen“, stellte Wilfried Hoffmann, VDB-Landesvorsitzender in NRW, klar. Für die genannten Punkte wolle der Verband entschieden eintreten.

Die Wurzeln des VDB – die Abkürzung steht für „Verband des deutschen Bäderwesens“ – liegen bereits rund 120 Jahre in der Vergangenheit. Heute ist der VDB der einzige Verband, der die Selbständigen in der Physiotherapie vertritt. Sitz des Landesverbands Niedersachsen-Bremen ist in Bad Bentheim-Gildehaus.

Bild und Text: Sebastian Hamel – Freier Journalist –